Schonzeit fürs Publikum – kleine Erzählung

Zeitdokumente – Ansichten im Wandel der Zeit

Er war schon zu alt, um sie zu verlassen. Der andere zu gehemmt, der dritte zu frei, aber in Wirklichkeit unentschieden. So war es wahrscheinlich, psychologisch gesehen. In der Psychologie gibt es immer gute Gründe. Klare Gründe. Erklärbare Gründe, Gründe der Gründe.

Sie selbst war beleibt und schon lebensmüde, doch immer noch konnte ein Funken in ihr wahrgenommen werden, der nicht zu erlöschen schien. Sie akzeptierte diese sonderbare Konstellation, ja  staunte mitunter, dass vier Menschen sich so  treu waren. Sie war es gewohnt seit vielen Jahren allein zu leben, der Treue war sie nicht gerade begegnet.

Alle vier hatten sich zusammengefunden, weil sie das Theater liebten. Und weil sie nicht einverstanden waren mit fast allem, was sich um sie herum so als Theater ausgab. Man könnte sagen, gerade sie als Leiterin des kleinen Ensembles war dumm, dreist und arrogant.  Wenn man alles fast ohne Ausnahme um sich herum als Jahrmarktsbudenzauber ansieht, kann der Fehler nur im Auge des Betrachters liegen: soviel Irrtum gibt es nicht.

Und so zweifelte sie an ihrer eigenen Wahrnehmung. Sie arbeitete an sich! Um die eigene Arroganz zu überwinden. Doch kaum hatte sie wieder einmal einen Theaterabend voller Hoffnung besucht, schon verfiel sie in den alten Unmut.

Was war geschehen?  „Laut, unsensibel krachend, kreischend“ oder „ganz und gar im Realismus des 19. Jahrhunderts gefangen“- das waren die Ergebnisse ihrer Analyse. Im 19. Jahrhundert? Ja, denn da erfanden und entwickelten sensible Autoren und Theatermacher die feinen psychologischen Spielweisen, die das Innere des Menschen sezierten. Aber Brecht? Ja, sein gesellschaftskritischer Ansatz findet sich zu Hauf in den modernen Theatern, aber ohne Menschen. Oder es findet gar kein Theater mehr statt, narrativ ohne Konflikt und Spannung, rein assoziativ schwimmt man in den Phantasien kleiner Spießer mit…..Spießer, die sich natürlich als Avantgarde ausgeben. Warum Spießer? Weil es erfahrungsgemäß der Spießer ist, dem es an Mut mangelt, und der jeden Konflikt vermeidet, versteckt, verschleiert, und wenn es hinter der postmodernen, de – konstruierenden laut bellenden Maske der Erneuerung des Theaters  geschieht. Immer dasselbe, ewig dasselbe. Nein-  einer brüllte den Schmerz hinaus, solange bis er selbst unter ihm zerbrach. Er fühlte Unrecht direkt. Alle applaudieren dem sich selbst gewählten Opfergang – und fühlten sich erleichtert. Ein Christus der Theaterkunst.

Fazit: unendliche Schonzeit für den Zuschauer.

Wo ist der Schmerz? Was ist der Schmerz?

Wenn sie es sich genau überlegte, gab sie sich jedesmal am Ende eines solchen Unmutausbruchs recht. Etwas fehlt auf deutschen Bühnen, etwas, was vorgegeben wird ununterbrochen da zu sein:

Das Fragen stellen.

Wir fragen uns zu Tode. Aber  nicht um uns wieder zu beleben! Wahrscheinlich ist es da, genau an dieser Schnittstelle, wo sich ihr Bruch mit dem deutschen Theater vollzieht: Das Bekannte ist der Tod –  das Leben unergründlich.

Nun kann man einen Roman darüber schreiben wie ein Mensch sich außerhalb aller gesellschaftlichen Übereinkunft stellt. Wie er einsam wird, ein tragischer Verlauf, einzig  weil er an das Leben glaubt. In der Theaterkunst.

Das ist so lächerlich wie nur irgendetwas lächerlich sein kann. Außerdem muß man nun ersteinmal definieren, was das denn sein soll- das Leben in der Kunst, hört sich an wie ein altbackener Titel von Stanislawski. Und außerdem sollte denn der Kunst-und Theaterbertrieb tatsächlich so arrogant sein, dass er andere Ansätze nicht verträgt?  Neulich hörte sie von einem Genforscher, der feststellte, das die Gene durch den Lauf des Lebens wandelbar sind: sie sind zwar der chemische Einfluss dessen, was wir sein können, aber was wir werden hängt nicht von ihnen, sondern vom  kulturelle Einfluss ab. Eine Erkenntnis, die die gesamte Genforschung ad absurdum führt, denn hier geht es ja gerade um die Festlegung, um das Ausgeliefertsein, darum wissenschaftlich-operativ Schicksal zu spielen. Einseitigkeit des Denkens. Diese revolutionäre Nachricht verschwindet unter vielen. Der Genforschungsindustrie kann es nur recht sein!  Keiner kann mehr wichtiges von weniger wichtigem unterscheiden. Unterscheidungsblindheit. Unendlich sich selbst potenzierendes Meinungsspiegelkabinett. Auch im Theater. Längst ist der Darsteller tot, das Theater ein Leichnam, aber ein Gebrüll um diese Tatsache herum als ob es nicht so wäre.

Da ist er also wieder der Tod. Der Tod der Festlegung.

Also Fragen stellen. Aber welche? So viele Probleme gibt es auf der ganzen Welt. Warum nur ist noch niemandem aufgefallen, dass sie alle, wirklich alle selbst gemacht sind. Sie kann es nicht verstehen. Es ist doch so offensichtlich. Und wenn es so ist, warum redet darüber niemand? Im Theater. Wo ist die gedanklich-spielerische Revolution?

In der Tat, das Theater ist der Spiegel der Gesellschaft geworden. Wie ein kranker Hund schleicht es sich um die Eingangspforte des gesellschaftlichen Lebens herum, der Patient kann kaum noch atmen, hält mit schwachen Pfoten sein Spiegelchen: schaut wie schlimm alles ist. Hechelt den Tagesnachrichten hinterher. Ob das wohl so gemeint war bei Hamlet, fragt sie sich?

Ja, das sind komplexe Themen, die lassen sich eben nicht so schnell mal wegwischen. Der Tod der Festlegung. Auch Schmerz ist eine Festlegung, eine Sichtweise. Tatsächlich, wenn es kein Ich gibt, dass sich mit einem Schmerz identifiziert, ist der Schmerz nicht mehr Schmerz, sondern etwas anderes. Ein Geheimnis. Ein Schlüssel. Ein Erstaunen. Ein Mysterium.

Oh je, ein Geheimnis! In diesem geheimnislosen modernen Leben? Ohne Geheimnis: das ist auch eine Festlegung. Und heißt nichts anderes als dass es hinter dem Offensichtlichen nichts zu entdecken gibt. Wir können alles beschreiben, auch unser Unterbewusstes, unsere Sublimierungen, wir haben alles unter Kontrolle. Wir wissen, dass wir manchmal gewalttätig sind, oder besser meistens, dass wir gerne essen und trinken und Sex haben. Die Psychologie erklärt uns alles. Politische Gesellschaftsmodelle ebenso.Wir kennen uns!

…. und kann das Theater (noch) gewichtige inhaltlich-gesellschaftliche Impulse setzen?  …trotz alledem…um das unergründliche Geheimnis des Lebens herum…?

 

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