… Spieglein an der Wand ?

….einige Überlegungen zum Theater

Wir bilden uns, gehen in Schulen, die Universität, werden Handwerker oder Spezialisten für dieses oder jenes, gründen Familien, erziehen wiederum unsere Kinder, geben weiter, woran wir glauben und was wir erlernt haben und so immer fort.
Wir wurden auf unserem langen Weg eingezwängt in Verhaltens-, Höflichkeits-, Denkmuster. Wir fühlen uns verbogen, getrennt von unserem Ursprung. Wir sehen eine Welt in Konflikten. Eine Rebellion  bleibt nicht aus.
Meist sind die Rebellen Künstler. Kunst wird zum politischen Tätigkeitsfeld. Der empfundene Zwang, die als ungerecht erkannten gesellschaftlichen Verhältnisse, der geselschaftliche Umbruch geben Stoff aus dem die Aufführungen und Perfomances sind. Die Gesellschaft der Künstler spiegelt die Gesellschaft und hält ihr den Spiegel vor. Bühne – Spiegel – Zuschauer, sie befinden sich auf einer horizontalen Linie, auf Augenhöhe.

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Einen kleinen Einschub brauch ich jetzt: Die Wissenschaft hat eine für uns Theaterleute wirklich wichtige Erkenntnis gewonnen. Es gibt Spiegelneuronen, ein Resonanzsystem im Gehirn eines jeden Menschen, das Gefühle und Stimmungen des Gegenübers beim Empfänger zum Erklingen bringt. Das Einmalige an diesen Nervenzellen ist, dass sie bereits Signale aussenden, wenn jemand eine Handlung nur beobachtet. Die Nervenzellen reagieren genau so, als ob man das Gesehene selbst ausgeführt hätte. Am besten ist ein Vergleich aus der Musik: Wenn wir eine Gitarrensaite zupfen, bringen wir die anderen Saiten des Instruments auch zum Schwingen, wir erzeugen eine Resonanz. Mitgefühl, Freude, aber auch Schmerz und Wut zu empfinden, ist dadurch erst möglich.
Wird also eine Handlung auf der Bühne vollführt ist es tatsächlich so, dass unsere Spiegelneuronen das Geschehen so erleben, als ob sie es selbst vollzögen. So wird klar, dass ein horizontaler Spiegel zwischen Zuschauer und Bühne horizontale Vermittlung leistet.

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Tatsächlich war es diese „horizontale“ Herangehensweise im Theater, die mir als junge Schauspielerin  zu schaffen machte.Intuitiv fehlte mir etwas.

Durch die Arbeit an den Dialogen von Platon, was eine spezifische russische Schule vorschlug,  wurde ich gezwungen aus einem situativen Spiel herauszutreten und andere Quellen meiner selbst zu öffnen. Das war schmerzhaft und schwierig, trocken, unsinnlich und schwer – lange Jahre. Doch später wurde  die sogenannte Ideenwelt des platonischen Denkens  nicht mehr nur eine abstrakte oder rein ideelle Welt, sondern wandelte sich in eine Empfindsamkeit, in der persönliche Verbindungen und poetische Bilder ein Leben entwickelten, aus dem heraus der Künstler auf der Bühne handeln konnte. Nicht mehr die Situation lenkte mich, sondern mein „Obraz“(Bild): dasjenige poetische oder krasse Bild, das die Essenz der Hauptidee birgt. Eine Entdeckung, die Zeit brauchte, Elan, Einsatz.
Ein Abenteuer, eine Revolution des eigenen Instrumentes.

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Nun nocheinmal zurück zu den Spiegelneuronen. Was daran für das Theater so immens interessant und wichtig ist, ist, dass der Spiegel durch die Arbeit mit dem „Obraz“ als Quelle der Aktion seine Position verändert.
Der berühmte Satz des Hamlet: der Gesellschaft den Spiegel vorhalten zu wollen, wird meistens horizontal verstanden wie zu Beginn beschrieben.
Doch stellen wir uns vor,  der Spiegel wäre zwischen Sonne und Zuschauer, zwischen Himmel und Erde positioniert, so bedeutet das, dass der Schauspieler gleichsam zum Spiegel wird und derjenige ist, der den Sonnenstrahl einfängt und abgibt. Der Spiegel ist in einer vertikalen Position. Dann handelt es sich um ein vollkommen anderes Theater.

Der Zuschauer sieht durch den Spieler die Reflektion der „Sonne“ auf der Bühne; der Schauspieler arbeitet mit einem Obraz, das sich nicht nur aus der Horizontalen speist, sondern vor allen Dingen aus einer vertikalen Perspektive. Die vertikale Perspektive enthält Immanenz und Transzendenz.  Der Mensch ist nicht in sich gespalten, sondern hat die Freiheit der Wahl.  Der Spieler hat sein Zentrum nicht im Innern, sondern vor sich, bewegt es wie einen Fussball. Seine Leiden sind nicht Wutausbruch oder andere aus der Situation heraus gestaute Gefühle, sondern sein Leiden ist Abwesenheit der dialektisch ergänzenden Perspektive.

Das Theater, das den Spiegel vertikal ausrichtet ist so gesehen ganzheitlicher. Natürlich können genauso Gefühle, Atmosphäre und ein sinnliches Erleben vorhanden sein, – ja sie müssen es sogar. Jedoch wird der Zuschauer nicht in Gefühle verstrickt und verführt, sondern er wird aktiviert sich selbst als Mensch in seiner Verantwortung zu erleben. Es traut dem Menschen mehr zu als der horizontale Spiegel mit seinem Narrativ des Gefangenseins im politischen und gesellschaflichen Kontext. Es weitet den Blick. Brauchen wir nicht  einen weiten Blick? Wir brauchen beides, aber ganz sicher auch einen weiten Blick, um die Krise, in der sich die Menschheit befindet immer besser zu verstehen und aufzulösen….

Berlin, 12.10.2017

Judith

copyright foto matt nelson

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