LOUISE MILLERIN / Kultiversum-Kritik

09.02.2010

MUT ZUM PATHOS

Keine fertige Produktion, sondern ein «Arbeitsmodell» wird an diesem dreieinhalbstündigen Premierenabend im Ballhaus Ost vorgestellt. «Louise Millerin» hat Regisseurin Judith von Radetzky ihr Arbeitsmodell genannt; der Originaltitel von «Kabale und Liebe» soll darauf verweisen,

dass die gelernte Schauspielerin und ihre Theatergruppe «graphit theaterlabor» den vielgespielten Schiller-Text weder gekürzt noch anderweitig daran herumgedoktert haben: bis ins Detail wird historisch informiert gesprochen, statt «Ähm» oder «Tja» sagen Radetzkys Schiller-Figuren «Hum» oder «Hem-Hem».

Die Bühne in der vierten Etage des Ballhaus Ost ist karg gehalten; lediglich ein paar Stühle haben die Schauspieler, um sich daran festzuhalten oder sich manchmal kurz darauf auszuruhen. Mehrere Monate haben sie in dieses «Arbeitsmodell» investiert, und das merkt man. Mit viel Mut zum Pathos leben sie in ihren Figuren: Ferdinand ist – seinem Vater, dem intriganten Präsidenten, nicht unähnlich – ein begnadeter Showmaster mit einer fatalen Neigung zu peinlich-enthusiastischen Tanzeinlagen; Lady

Milford eine nahe am Wasser gebaute, dunkel gelockte Sirene, die Leidenschaft aus ungehemmter Selbstbezogenheit schöpft; und Louise Millerin, die Titelfigur des Abends, eine kleine, energische Kassandra, auf die mal wieder keiner hört, obwohl sich ja eigentlich alles um sie dreht.

Gebrochen wird der energiegeladene Duktus des Abends gelegentlich durch meist umgangssprachlich improvisierte Passagen, während derer die Schauspieler Einblick in ihre persönliche Annäherung an ihre Figur gewähren. Manche dieser Passagen sind bereichernd, auf andere hätte man lieber verzichtet. Denn nicht alle Spieler finden aus der Selbstreferentialität schnell wieder in eine unmanirierte Beschäftigung mit dem Schiller-Text. Doch immer dann, wenn das gelingt, sind die folgenden Szenen von einer intensiven Lebendigkeit erfüllt.

Sophie Diesselhorst

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